04.10.2017
Business

Daimler Trucks auf der North American Commercial Vehicle Show

Die amerikanische Nutzfahrzeug-Industrie präsentierte ihre Produkte auf der North American Commercial Vehicle Show von 25. bis 28. September in Atlanta, im Bundesstaat Georgia. Mit über 40 % Marktanteil ist Daimler Trucks der unangefochtene Platzhirsch am US-Markt.

Atlanta, 24. September 2017. Es ist sechs Uhr abends in der Hauptstadt des Bundesstaats Georgia im Süden der USA. Die Abendsonne spiegelt sich in den Glasfassaden der Wolkenkratzer, die sich wie startklare Raketen aus dem Stadtzentrum erheben. Obwohl es bereits Herbst ist, hat es abends immer noch 25 Grad. Die Atlanta Falcons, das American Football Team der Stadt, haben soeben gegen die Detroit Lions mit 30 zu 26 Punkten gewonnen. Es war ein Auswärtsspiel, viele Einwohner haben das Match daher am Bildschirm in einem der zahlreichen Lokale im Zentrum verfolgt. Hier liegt auch das Fox Theater, ein ehemaliges Kino und Musicalhaus aus dem Jahr 1929.

Im Minutentakt rollen schwarze Mercedes Sprinter Busse vor und entlassen ihre Gäste auf den roten Teppich, der die Stufen zum Eingang des altehrwürdigen Theaters hinaufführt. Zwei Schauspielerinnen jubeln dabei den eintreffenden Gästen zu und fragen nach Autogrammen. Ein Mann hält den Ankommenden ein Mikrophon unter die Nase. Die Szene erinnert ein wenig an die alljährliche Premierengala der Filmfestspiele in Cannes und gehört zur Show, die sich Daimler für diesen Abend ausgedacht hat. Die Architektur des Theaters, die sich an berühmten historischen Gebäuden wie der Alhambra in Spanien und den ägyptischen Tempeln von Karnak orientiert, trägt das ihre dazu bei. Vergoldete Ornamente und illusionistische Wandmalereien im Stil der Trompe-l’œil verleihen dem Inneren des Theaters den eleganten Charme eines europäischen Opernhauses.

Daimler Veranstaltung am Vorabend der ersten North American Commercial Vehicle Show im Fox Theater in Atlanta

Bild: Fliesser  

Die Premiere, die Daimler hier zelebriert hat allerdings nichts mit Kunst zu tun. Es ist der Vorabend der ersten „North American Commercial Vehicle Show“, einer Messeveranstaltung für Nutzfahrzeuge die sich als Pendant zur IAA in Hannover am amerikanischen Markt in Stellung bringt. Hinter der Veranstaltung steht, neben der Firma Newscom Media, eine Tochter der Deutschen Messe AG, Hannover Fairs USA. Mit den Traditionsmarken Freightliner und Western Star und einem Marktanteil von über 40 Prozent ist Daimler unangefochtener Marktführer im Segment der schweren Lkw in den USA. Den Stuttgartern ist daran gelegen, dass diese Messe ein Erfolg wird und sie haben dafür keine Kosten und Mühen gescheut.

Martin Daum, Vorstand Daimler Trucks & Buses, präsentierte den Gästen im Fox Theater unter anderem den Fuso eCanter, einen batterieelektrischen Verteiler-Lkw
Bild: Fliesser  

Martin Daum, Vorstand Daimler Trucks & Buses, und Volker Mornhinweg, Leiter von Mercedes-Benz Vans, begrüßen die rund 500 Gäste im Auditorium des Fox Theaters, die zur vorabendlichen Premiere des Messeauftritts nach Atlanta eingeladen waren. Darunter sind nicht nur nationale und internationale Journalisten sondern auch ausgewählte Kunden und Händler. Einer von ihnen ist Rick Reynolds, Geschäftsführer von Peach State Truck Centers in Atlanta. Er ist der größte Händler für Freightliner und Western Star Trucks sowie „Thomas built Buses“ und Fuso im Bundesstaat Georgia. Ricks Vater gründete das Unternehmen im Jahr 1974. Inzwischen hat Peach State Truck Centers sich zu einem handfesten Konzern mit 11 Filialen in zwei Staaten entwickelt. 9.000 neue Lkw und nochmal über tausend Gebrauchtfahrzeuge verkauft Rick mit seinem Team von 573 Mitarbeitern jedes Jahr. Das ist mehr als der österreichische Gesamtmarkt für schwere Lkw und zeigt die gewaltigen Dimensionen des nordamerikanischen Marktes auf. Auch wenn dieser im ersten Halbjahr 2017 leicht schwächelte, stieg der Absatz von schweren Fahrzeugen der Klasse 8 (< 15 t) im Monat August wieder auf 17.166 Stück, wie das amerikanische Magazin Transport Topics berichtet. Mit insgesamt 116.814 Stück in den ersten acht Monaten wird man heuer jedoch nicht mehr zum Rekordjahr 2015 aufschließen können, in dem fast 250.000 schwere Lkw verkauft wurden.

Rick Reynolds, President von Peach State Truck Centers vor dem neuen Freightliner Cascadia
Bild: Fliesser  

Integrierter Antriebsstrangs

Aufgrund anderer Längennormen gibt es in den USA kaum Frontlenker. Monströse Sattelzugmaschinen mit langer Schnauze und zwei, zumeist auch angetriebenen, Hinterachsen prägen das Straßenbild im Fernverkehr. Aber nicht nur das Erscheinungsbild der Trucks unterscheidet sich in Nordamerika von jenem in Europa. Lkw werden in den USA traditionell auch anders verkauft. Denn während hierzulande niemand auf die Idee käme, einen Mercedes Lkw mit dem Motor eines Fremdherstellers zu bestellen, stückelt sich der Kunde in den USA den Antriebsstrang seines Trucks gerne selbst zusammen. Das Fahrzeug wird ganz nach den Wünschen des Kunden aus den unterschiedlichen Komponenten wie Motor, Getriebe und Achsen konfiguriert. Das ist auch heute noch bei Freightliner möglich. Allerdings setzt Daimler inzwischen verstärkt auf das Konzept des integrierten Antriebsstrangs aus eigenem Hause. Basierend auf der weltweit eingesetzten Lkw-Motorenplattform von Daimler, werden die Antriebskomponenten von „Detroit“ in Michigan gefertigt.

 

Der Freightliner Cascadia ist das Topprodukt von Daimler Trucks USA für den Fernverkehr

Bild: Fliesser  

Inzwischen sind auch die Kunden weitgehend überzeugt: Der neuen Cascadia, das Top-Modell von Freightliner für den Fernverkehr, wird inzwischen fast ausschließlich mit Detroit-Motoren bestellt. Das erlaubt Daimler eine optimale Abstimmung von Fahrzeug und Antriebsstrang und somit eine drastische Effizienzsteigerung. Denn auch wenn Diesel in den USA deutlich billiger ist und derzeit nur 2,8 Dollar pro Gallone (rund 3,8 Liter) kostet, so zeichnen die Treibstoffkosten auch jenseits des Atlantik für einen hohen Anteil der Transportkosten verantwortlich. Das hat klarerweise dazu beigetragen, dass Lkw auch in den USA drastisch weniger Sprit konsumieren als frühere Fahrzeuggenerationen. Der Verbrauch des neuen Cascadia soll jedenfalls unter 30 Litern liegen.

Eine weitere Errungenschaft im Antriebsstrang, die Daimler seinen US-Kunden näher gebracht hat, ist die Automatik. Während in den USA seit jeher kaum Pkw mit Handschaltgetriebe zu finden sind, ist der manuelle Gangwechsels bei Trucks die Regel gewesen. Auch das hat sich in den letzten Jahren geändert und die Automatik hat ihren Siegeszug im Fernverkehr angetreten.

 

Ein alltäglicher Anblick im amerikanischen Straßenbild: Ein „Thomas” Schulbus im Zentrum von Atlanta

Bild: Fliesser  

Massive Investitionen im Van-Segment

Im Bereich Vans hat Daimler inzwischen die Grenze der Produktionskapazität in Nordamerika erreicht und kann die rasant wachsende Nachfrage kaum noch befriedigen. Abhilfe soll ein neues Werk in North Charleston im Bundesstaat South Carolina schaffen. 500 Millionen US-Dollar investiert der Konzern in dessen Ausbau, wie Volker Mornhinweg, Leiter von Mercedes-Benz Vans, erläutert. Rund 1.300 Arbeitsplätze sollen dadurch in der Region entstehen. Abgesehen davon investiert man mit der Marke „Mercedes“ auch massiv in Sachen Marketing, wenn dies auch vielleicht eher mit Hinblick auf den Pkw-Markt geschieht: Das nagelneue Mercedes-Benz Stadion in Atlanta, wo Mercedes-Benz USA seinen Sitz hat, bietet Platz für 71.000 Zuschauer und wurde am 26. August eröffnet.

Das neue Mercedes-Benz Stadion in Atlanta ist Heimspielstätte des Amercian Football-Teams „Atlanta Falcons“ sowie der Fußballmannschaft „Atlanta United“
Bild: Fliesser  

Ludwig Fliesser