09.10.2017
Flüssiggas

Österreichs erste LNG-Tankstelle

Im Hafen Enns haben die Unternehmen RAG, Ennshafen OÖ GmbH und Iveco Austria im Rahmen des Zukunftsforums LNG die erste LNG-Tankstelle Österreichs eröffnet.

Alternative Antriebsquellen werden auch im Nutzfahrzeugbereich immer wichtiger. Während für die Kurzstrecken schon gut auf Elektromobilität gesetzt werden kann, fehlt es für die Langstrecke noch an reichweitenoptimierten Fahrzeugen und der Infrastruktur. Dennoch gibt es schon jetzt im Fernverkehr eine sehr umweltfreundliche Alternative zum Diesel-Lkw, nämlich LNG (Liquefied Natural Gas). Während in anderen Ländern schon durchwegs gute Erfahrungen mit der zukunftsträchtigen Technologie gemacht wurden, kommt jetzt auch in Österreich Bewegung in das Thema. Die Unternehmen RAG, Ennshafen OÖ GmbH und Iveco sind schon länger im Zukunftsforum LNG miteinander verbunden und haben jetzt gemeinsam die erste LNG-Tankstelle in Österreich eröffnet. LNG wird dabei von vielen als Kraftstoff der Zukunft für den Lkw gesehen. LNG ist Erdgas, das durch Abkühlung auf eine Temperatur von ca. -160° C in einen flüssigen Zustand versetzt wird. Das Expansionsverhältnis von flüssig zu gasförmig beträgt bei Erdgas 1:600, wodurch große Mengen von Energie in Form von LNG transportiert und bevorratet werden können. Dieser Antrieb ist somit sehr wirtschaftlich und effizient zugleich. Zudem braucht es keine große Infrastruktur oder neue Technologien, wie etwa bei Elektroautos, wo die Langlebigkeit der Batterien noch immer nicht restlos geklärt ist. Dabei ist die Kombination von LNG und CNG (Compressed Natural Gas) bei Iveco eine durchaus interessante Alternative, um das noch schwache LNG-Tankstellennetz zu umgehen.

 

Der Iveco Stralis NP, seit April 2017 im Einsatz bei der RAG, vor der ersten LNG-Tankstelle in Österreich.

Bild: Gruber  

Die Vorteile von Gas-betriebenen Lkw liegen auf der Hand: Pro Lkw können im Vergleich zu einem Euro 6-Diesel-Lkw bis zu 20.000 kg CO2 pro Jahr eingespart werden. Die Feinstaubreduktion liegt sogar bei 95 % und jene der Stickoxide bei mehr als 70 %. Auch bei den Lärmemissionen gibt es Vorteile, diese werden um ca. 50 % reduziert. Dadurch können LNG-Lkw zum Beispiel in den Niederlanden auch nachts fahren, wenn für Diesel-Lkw ein Nachtfahrverbot gilt. Die Betankung eines Lkw erfolgt in rund fünf bis zehn Minuten, womit auch hier gegenüber dem Diesel keine Nachteile zu bemerken sind.

RAG hat Know-how, Ennshafen bietet beste Infrastruktur

Mit der Eröffnung der ersten LNG-Tankstelle in Österreich machen die RAG, Ennshafen OÖ GmbH und Iveco den LNG-Antrieb nun auch in Österreich zu einer interessanten Alternative zum Diesel-Lkw. Als viertgrößter Gasspeicherbetreiber in Europa hat die RAG schon ein hervorragendes Know-how was die Speicherung, Produktion und Lieferung von Erdgas betrifft. Das Unternehmen fördert schon seit Jahrzehnten österreichisches Erdgas und besitzt auch schon erstes Know-how im Bereich der Power-to-Gas-Technologie. Damit soll es gelingen, Überschüsse aus Wind- und Sonnenenergie in Gas umzuwandeln und in natürlichen unterirdischen Lagerstätten zu speichern. Das LNG für die erste Österreichische LNG-Tankstelle wird von der RAG in der Pilotanlage in Puchkirchen in Oberösterreich hergestellt. Damit der Treibstoff der Zukunft auch dort lieferbar ist, wo es Sinn macht, ist die Entscheidung für die erste Tankstelle in Österreich auf den Ennshafen gefallen. Als Drehscheibe für den kombinierten Verkehr verbindet der Ennshafen Lkw, Bahn und Schiff in einem sehr zentral gelegenen Gebiet mit perfekter Anbindung an das Autobahnnetz. Auf rund 170.000 m2 Terminal-Fläche können täglich bis zu 1.500 TEU umgeschlagen werden.

Mit der LNG-Tankstelle im Ennshafen hat man nun auch in Österreich eine sehr zentral gelegene Tankstelle für die Versorgung mit LNG. Die zentrale Lage ist dabei ein äußerst wichtiger Punkt, vor allem für die Route von den wichtigen Häfen Rotterdam, Bremen und Hamburg Richtung Bratislava, Budapest und Bukarest. Infrastruktur und zentrale Lage nützen aber wenig, wenn es noch keine passenden Lkw gibt. Doch auch hier gibt es schon einige Möglichkeiten am Markt, wobei Iveco beim Thema LNG eindeutig eine Vorreiterrolle übernommen hat. In Italien ist der Gasantrieb schon lange eine überaus beliebte Alternative zu Diesel oder Benziner, egal ob bei Lkw oder Pkw. Iveco hat europaweit schon mehr als 2.000 Lkw mit LNG-Antrieb laufen. Auch im eigenen Fuhrpark des weitläufigen CNH-Konzerns, der nicht nur Iveco-Lkw, sondern auch Busse, Traktoren, Arbeitsmaschinen, Motoren und Getriebe herstellt, setzt man schon länger auf den umweltfreundlichen LNG-Antrieb. Um mit gutem Beispiel voran zu gehen, hat auch die RAG seit April 2017 einen Iveco Stralis NP, den ersten LNG-Lkw in Österreich, erfolgreich im Einsatz.

Mehrere Tankkombinationen beim Iveco Stralis NP möglich

Der Iveco Stralis LNG ist dabei in mehreren Varianten erhältlich. Die Kunden haben die Wahl zwischen zwei CNG-Tanks mit bis zu 570 km Reichweite, der Kombination aus CNG- und LNG-Tank, die eine Reichweite von bis zu 1.030 km ermöglichen, oder einem reinen LNG-Fahrzeug mit zwei LNG-Tanks. Die Reichweite liegt hier bei 1.500 km, wodurch man schon derzeit immer recht gut zur nächsten LNG-Tankstelle kommen sollte. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, findet mit der Kombination aus CNG und LNG eine perfekte Lösung für alle Einsatzgebiete. Die Verbreitung von CNG-Tankstellen ist nämlich deutlich besser als jene von LNG-Tankstellen. Angetrieben werden alle Versionen vom Cursor 9-Erdgasmotor, der es bei Leistung und Drehmoment locker mit vergleichbaren Dieselmotoren aufnehmen kann. Die Leistung liegt bei 400 PS (294 kW), und der Motor liefert ein maximales Drehmoment von 1.700 Nm. Ein Dreiwegekatalysator sorgt dafür, dass strenge Emissionsgrenzwerte eingehalten werden, und auch die Geräuschemissionen werden auf ein Minimum reduziert. In der neuen Funktion „Ruhemodus 72 dB(A)" ist der Iveco Stralis NP auch perfekt für Nacht- und Innenstadt-Fahrten geeignet. Die Schaltung erfolgt über das automatisierte 12-Gang-Getriebe Eurotronic. Der LNG-Lkw von Iveco verfügt auch über einen integrierten hydraulischen Retarder und eine Hill-Holder-Funktion, die das Anfahren am Berg erleichtert. Bei der Wartung soll der LNG-Stralis den Diesel-Brüdern ebenfalls um nichts nachstehen. Ein Ölwechsel ist alle 75.000 km notwendig, und man spart sich auch die Kosten für AdBlue und den Partikelfilter, der beim Cursor-9-Erdgasmotor auch nicht nötig ist.

Bei einer ersten Ausfahrt mit dem Iveco Stralis NP konnten wir schon die Vorzüge der neuen Antriebstechnologie erleben. Wir waren dabei mit dem kombinierten CNG/LNG-Modell unterwegs. Die Fahrerkabine unterscheidet sich nicht von den anderen Modellen, lediglich ein Schalter, mit dem man von CNG auf LNG umschalten kann, ist griffgünstig in der Mittelkonsole platziert. Anders als bei Pkw mit CNG-Antrieb, die automatisch während der Fahrt vom Gas- auf den Benzinmodus wechseln, muss man beim Lkw anhalten und per Knopfdruck die Kraftstoffzufuhr ändern.

Bei der Leistungsentfaltung steht der Erdgas-Lkw den Diesel-Versionen um nichts nach. Mit einer Leistung von 400 PS ist man bei voller Beladung aber auch im Erdgas-Stralis nicht mehr ganz so flott bei Steigungen unterwegs – jedoch ist dies bei einem 400 PS-Diesel-Lkw auch nicht der Fall. Besser als beim Diesel präsentiert sich bei der Erdgas-Variante die Geräuschentwicklung. Schon im Stand entfällt das typische Dieselnageln, und im Fahrbetrieb bleibt es in der Fahrerkabine angenehm leise, obwohl der Motor doch einen recht kernigen Sound entwickelt, der aber nicht unangenehm ist. Auch das automatisierte 12-Gang-Getriebe hat überzeugt, die Schaltvorgänge sind sehr weich und auch relativ flott.

Die Politik ist jetzt gefordert, Anreize zu bieten

Iveco Business Director Karl-Martin Studener ist sich sicher: „Der Iveco Stralis Natural Power kann schon heute einen aktiven Beitrag zu umweltfreundlicher Gütermobilität leisten. Kein Feinstaub und 70 % weniger Stickoxide geben Zeugnis davon. Der wesentlich niedrigere Verbrauch von Erdgas im Vergleich zum Diesel bedeutet weniger CO2-Ausstoß und ist für die Transportunternehmer zudem ein Beitrag zu kostenoptimierter Logistik".

Bei der RAG LNG-Tankstelle am Ennshafen sieht man auch deutlich die Kostenvorteile gegenüber dem Diesel. Der Preis für ein Kilogramm LNG liegt bei 0,943 Euro, was durch die höhere Energiedichte ein Preisäquivalent zum Diesel von 0,725 Euro bedeutet. Studener sieht aber auch noch die Politik gefordert, die Anreize bieten sollte, damit mehr Unternehmer auf die umweltfreundliche Antriebsart wechseln. In Deutschland gibt es zum Beispiel eine Prämie von 18.000,– Euro für LNG-Lkw. Weitere wünschenswerte Vorteile wären eine eigene Mautklasse mit geringeren Kosten, die Aufhebung bestehender Nachtfahrverbote und die Erhöhung des Tempolimits bei Nacht von 60 km/h auf 80 km/h. Ein weiterer Punkt, den Studener im Rahmen eines Workshops anprangert: „Die Politik droht mit Fahrverboten für Diesel, mahnt umweltfreundlichere Antriebe ein und am nächsten Tag werden bei öffentlichen Ausschreibungen von Kommunen und öffentlichen Entsorgungsbetrieben wieder Diesel-Lkw ausgeschrieben". Mit der ersten österreichischen LNG-Tankstelle haben RAG, Ennshafen und Iveco jetzt einmal einen ersten Schritt in eine umweltfreundlichere Zukunft gesetzt. Derzeit können täglich 10 bis 15 Lkw mit LNG versorgt werden, steigt der Bedarf, kann man die Kapazität schnell erhöhen.

 

 

 

 

 

 

Stefan Gruber