25.09.2017
Baufahrzeuge

Tatra Phoenix Euro 6 Allrad-Kipper im Test

Wie ein Tausendfüßler passt sich das Fahrwerk des Tatra dem Gelände an. Die Bauweise mit Zentralrohrrahmen und einzeln aufgehängten, luftgefederten Halbachsen erlaubt ein Höchstmaß an Bewegungsspielraum der einzelnen Räder. Motor und Fahrerhaus stammen von DAF.

Die Räder des Tatra Phoenix Euro 6 sind über einzeln luftgefederte Halbachsen mit dem Zentralrohrrahmen verbunden. Dadurch ergibt sich eine extreme Flexibilität des Fahrwerks, während sich der Aufbau hingegen auch im extremen Gelände kaum verwindet. Damit gleicht sich das Fahrwerk optimal dem Untergrund an und sorgt so dafür, dass alle Räder optimalen Kontakt zum Untergrund und damit auch volle Traktion haben. Abseits der Straße kann mit dieser Technik zudem wesentlich schneller gefahren werden, als dies mit konventionellen Baustellen-Lkw möglich wäre. Zudem kommen auch Kipper dank des massiven Zentralrohrrahmens ohne weiteren Hilfsrahmen zur Montage des Aufbaus aus.

Im schweren Gelände zu Hause: der Tatra Phoenix Euro 6 Allrad
Bild: WEKA / Fliesser  

TRAKTUELL hat bei der Firma Tschann, die Tatra in Österreich vertreibt, einen Tatra Phoenix 8x8 Gesteinskipper in einem Steinbruch bei Salzburg getestet. Motorisiert ist unser 4-Achs-Tatra mit einem 12,9 Liter Paccar MX-13 Motor mit 462 PS mit 2.300 Nm Drehmoment über einen breiten Drehzahlbereich von 1.000 bis 1.425 U/min. Der Allrad-Antrieb wird bei Betätigen der ersten Differenzial-Sperrstufe zugeschaltet. Das Fahrerhaus stammt ebenfalls aus dem Hause DAF und bietet dem Fahrer den von der DAF CF-Baureihe gewohnten Komfort. Ein Vorteil ist auch, dass Tatra-Kunden somit das in ganz Österreich flächendeckende DAF-Servicenetz nutzen können.

 

Robust und extrem Geländegängig: Tatra Phoenix Euro 6 Allradfahrzeug
Bild: WEKA / Fliesser  

Im schweren Gelände zu Hause

Der Tatra präsentiert sich im Steinbruch als äußerst geländegängiger Schwerlast-Esel. Mit 17,6 t Leergewicht inklusive schwerem Meiller Gesteinskipper aus 10 mm Hardox-Stahl auf dem Rücken ist unser Phoenix auch selbst kein Fliegengewicht. Aufgrund der hohen Belastbarkeit bleiben aber trotzdem mehr als 26 t Nutzlast bis zum Erreichen des technisch zulässigen Gesamtgewichts von 44 t. Mit einem Anhänger darf das gesamte Gespann sogar ein Gesamtgewicht von 70 t auf die Waage bringen. Die Steigfähigkeit bei 44 t beträgt laut Herstellerangaben 52 %, mit voll ausgeladenem 70 t-Gespann sind es immerhin noch 30 %.

Wir haben unseren Tatra Phoenix auf insgesamt 39 t beladen und konnten damit die steilen Anstiege im rauen Gelände problemlos bewältigen. Insbesondere das hohe Drehmoment des Tatra fällt dabei positiv auf - der Tatra kriecht förmlich im Standgas über steile Rampen hinauf, sofern Geschwindigkeit und Getriebegang richtig gewählt wurden. Letzteres bleibt bei unserem Phoenix dem Fahrer selbst vorbehalten, denn gerade im harten Baueinsatz wird immer noch häufig eine manuelle Schaltung verwendet. In unserem Testfahrzeug sorgt eine ZF 16-Gangschaltung mit zweistufigem Zusatzgetriebe für eine fein dosierbare Übersetzung. Ausgeführt ist diese in Form einer 8-Gang Doppel-H Hebelschaltung, wobei sich jeder Getriebegang am Schaltknauf mittels Kippschalter halbieren lässt. Zudem gibt es die Möglichkeit, eine dem Getriebe nachgelagerte Untersetzung zuzuschalten, wodurch sich die Übersetzungsmöglichkeiten auf insgesamt 32 Gänge summieren. Um dieses Potential voll auszuschöpfen, braucht es jedoch einen guten Fahrer und etwas Übung. Wer das nicht will, der kann den 4-Achser auch mit automatisiertem Schaltgetriebe bestellen.

Für die Verzögerung bei Bergabfahrten sorgt die optionale, dreistufige MX-Motorbremse. Diese ist insbesondere im Langsam-Fahrbereich äußerst effektiv, aktiviert sich aber erst bei einer Drehzahl von mindestens 1.200 Touren. Folglich liegt es auch hier wieder am Fahrer, den richtigen Getriebegang im Gefälle zu wählen, damit die Motorbremse ihre Wirkung entfalten kann. Bei höheren Geschwindigkeiten ist die Motorbremse allerdings bei weitem nicht so effektiv, wie ein Retarder. Wer mit seinem Tatra also häufig über längere Strecken auch im Straßenverkehr unterwegs sein will und muss, dem sei dieser daher dringend empfohlen. Das natürliche Habitat des Tatra ist aber sicher nicht der Asphalt – der Phoenix ist ein ausgewiesener Geländespezialist.

Die spezielle Bauweise mit Einzelradaufhängung und luftgefederten Halbachsen erlaubt maximale Bewegungsfreiheit der einzelnen Räder
Bild: WEKA / Fliesser  

Einsatzgebiete

Überall dort, wo extreme Geländegängigkeit und hohe Nutzlast Hand in Hand gehen müssen, spielt der Tatra Phoenix seine Stärken aus. Das Fahrwerk ist flexibel, der Mittelrohrrahmen zugleich massiv und unverwüstlich. Gerade im Holzsegment und Hochgebirgsbau kann der Tatra damit punkten, aber auch im Berg- und Tunnelbau sowie bei Steinbrüchen und Schottergruben. Hier stellt der Phoenix auch eine praktische Alternative zu Dumpern dar. Der Vorteil: Während Letztere die Grube nicht verlassen dürfen und mittels Tieflader von einem Ort zum andern transportiert werden müssen, kann sich der Tatra problemlos auf öffentlichen Straßen bewegen. Zudem ist er in den Abmessungen wesentlich kompakter und wendiger, wodurch er beispielsweise im Tunnelbau, auf Forststraßen und im Hochgebirge klar im Vorteil ist.

Fahrwerk des Tatra, Unteransicht
Bild: WEKA / Fliesser  

 

Aufgrund der Segmentbauweise des Mittelrohrrahmens ist das Fahrzeug auch einfach konfigurierbar. Ähnlich wie bei einem Tausendfüßler, gehen von jedem Segment seitlich zwei Beine, also die luftgefederten Halbachsen ab. Diese Segmente werden dabei einfach bis zur gewünschten Achszahl aneinandergereiht. So kann der Tatra als 4x4, 6x6 oder 8x8 konfiguriert werden. Das Potential an Möglichkeiten ist damit aber noch nicht erschöpft – bis zu sieben angetriebene Achsen sind möglich. Auf der Bauma 2016 in München wurde beispielsweise ein Tatra Phoenix 10x10 Schwerlastkipper mit lenkbarer Nachlaufachse präsentieren.

Testfahrzeug, Technische Daten

 TATRA PHOENIX EURO 6 (Tatra T 158 8P6R44.232.8x8.2)

Motor

PACCAR MX-13 340 Euro 6 (EGR/SCR)

Hubraum/Zylinder: 12,9 Liter Hubraum / 6 Zylinder

Leistung: 340 kW (462 PS) / 1.425 – 1.750 min-1

Drehmoment: 2.300 Nm / 1.000 – 1.425 min-1

Verlangsameranlage: 3-stufige MX Motorbremse

 

Kupplung

Typ SACHS MFZ 1x430, Einscheibenkupplung

 

Getriebe

Manuell, ZF 16S 2530 TO

Gänge: 16 vorwärts, 2 rückwärts

zweistufiges Zusatzgetriebe (Untersetzung)

 

Vorderachsen

Angetriebene Lenkachsen, Schwinghalbachsen, einschaltbarer Vorderachsantrieb, Achsausgleichgetriebe, Federung mit Luftfaltenbälgen und Teleskopstoßdämpfern

 

Hinterachsen

Angetriebene Achsen mit Schwinghalbachsen, Achsausgleichgetriebesperren, Zwischenachsausgleichgetriebe

 

Gewichte

Fahrzeugleergewicht (ohne Aufbau): 13.670 kg

Fahrzeug inkl. Meiller Gesteinskipper: 17.660 kg

Zulässiges Fahrzeuggesamtgewicht: 44.000 kg

Zulässiges Fahrzeugzug-Gesamtgewicht: 70.000 kg

Zulässige Achslast - Vorderachsen: 2 x 9.000 kg

Zulässige Achslast - Hinterachse: 2 x 13.000 kg

Ludwig Fliesser