24.03.2015
Länge läuft

CapaCity L im Test

Der größte Mercedes-Stadtbus wächst auf imponierende 21 Meter Länge, der neue Supergelenkbus CapaCity L bietet auf vier Achsen fast 200 Fahrgästen Platz. Und wer mit weniger zufrieden ist? Der fährt den neuen CapaCity mit 19,7 Meter Länge.

Mercedes-Benz legt nochmal nach, die Experten hatten das ohnehin prognostiziert. Für die neue C2-Generation, so heißt die aktuelle Citaro-Baureihe intern, fehlte noch ein CapaCity-Modell. Der C1- Vorgänger verkaufte sich nicht schlecht, zahlreiche Verkehrsbetriebe bekundeten Interesse. Letztlich ging es um die Frage: Warum nicht einen Meter mehr?“ Jetzt kommt Mercedes-Benz den Wünschen und Anforderungen der potenziellen Interessenten weiter entgegen.

Nur ein Gelenk und vier Achsen: Mercedes-Benz CapaCity L mit 21 m Länge für 191 Personen
   

Das neue CapaCity-Modell mit der Zusatzbezeichnung L wächst nochmal um 1,5 Meter auf 21 Meter Länge. Drei Meter mehr als der konventionelle Citaro G-Gelenkzug, je nach Inneneinrichtung packt der vierachsige CapaCity L 35 Fahrgäste mehr. Er legt hinter der zweiten Achse mit 610 Millimeter zu und wächst um 660 Millimeter gleich nach dem Gelenk im Nachläufer. Doch damit nicht genug: Die Produktstrategen stellen dem langen „L“ einen 19,7 Meter langen „kompakten“ CapaCity zur Seite.

Realerprobung in Hamburg

Ein ernsthafter Interessent ist vom Start weg dabei. Die Hamburger Hochbahn hat sich gleich das erste Baumuster gesichert, um den neuen CapaCity L auf der Metrolinie 5 zu testen. Die führt von der Innenstadt über das Universitätsviertel in den Nordwesten der Stadt, der Verkehrsbetrieb spricht von der meistfrequentierten Omnibuslinie Westeuropas. Die Hamburger kalkulieren mit sechs Personen pro Quadratmeter, der rotweiße Capacity L ist für 165 Personen ausgelegt. Als Vierachser darf er (mit Ausnahmegenehmigung) für 32 Tonnen Gesamtgewicht zugelassen werden. Die vierte Achse wird wie gehabt elektrohydraulisch gelenkt und soll für gute Handlingeigenschaften sorgen. Der Hersteller spricht von 24,47 Meter Durchmesser des Wendekreises, bei Fahrgeschwindigkeiten von mehr als 40 km/h wird die Lenkung der Nachlaufachse automatisch zentriert. Die dann den Geradeauslauf und die Fahrstabilität bei höherem Tempo verbessert, bei Rangierfahrten vorwärts wie rückwärts lenkt die vierte Achse aktiv mit.

Gegenüber einem konventionellen Gelenkbus bietet der CapaCity L 35 Personen mehr Platz
   

Optional ist der CapaCity mit einer Wank-Nick-Regelung verfügbar, die variablen Stoßdämpfer passen sich elektronisch an Fahrsituationen und Beladungszustände an. Und der inhouse entwickelte Knickschutz ATC (Articulated Turnable Controller) regelt die hydraulische Dämpfung des Gelenks blitzschnell und situativ. Gerät der lange und schwere Omnibus in einen instabilen Fahrzustand – etwa auf glatter Fahrbahn –, stabilisiert ATC den CapaCity und erzielt einen ESP-ähnlichen Effekt. Voraussetzung für ATC und weitere Systeme ist die neue Elektronik-Architektur B2E, die jetzt für die gesamte Citaro-Baureihe eingeführt wird. Sie gilt zwar als omnibusspezifisch, hat aber laut Hersteller ihre Reifeprüfung in der neuen Lkw-Generation bereits hinter sich. Die neue Elektronikstruktur führt zu neuen Steuergeräten und einem anderen Betriebssystem. So steht nun beispielsweise ein CAN-Diagnoseprotokoll zur Verfügung, jetzt ist auch der Zusatzheizer über den CANBus diagnosefähig.

An Leistung wird nicht gespart

Im Heck des neuen CapaCity L treibt der mitlerweile bekannte OM 470-Sechszylinder an, ein 10,7 Liter großer Hightech-Diesel mit wahlweise 360 oder 394 PS. 1.700 oder 1.900 Newtonmeter stehen zur Wahl, die Automatikgetriebe von Voith und ZF wurden an die höheren Anforderungen angepasst. Ein kraftvoller Vortrieb darf jedenfalls erwartet werden, der lange CapaCity hat auch mit voller Auslastung wenig Mühe. Nur die Fahrgäste im Heck werden noch deftig beschallt, bei der Dämmung der Antriebsaggregate sollte das letzte Wort noch nicht gesprochen sein. Vielleicht noch ein Wort zum Kraftstoffverbrauch: Bei voller Auslastung soll der CapaCity L pro Fahrgast weniger als 0,5 l/100 km verbrauchen. Auch beim neuen Stadtlinien-Riesen wurde auf effiziente Nebenverbraucher geachtet, die laut Hersteller für ein Viertel des Dieselverbrauchs verantwortlich zeichnen. Auch das spezielle Rekuperationsmodul ist mit an Bord. Superkondensatoren (Supercaps) speichern die im Schubbetrieb kostenlos gewonnene Energie, beim Anfahren und an Steigungen haben die Lichtmaschinen Pause.

Links im Heck steht ein 10,7 l großer OM 470-Sechszylinder, wahlweise mit 360 oder 394 PS
Bilder: Mercedes-Benz  

Weil die neuen CapaCitys konsequent als Baukastenprodukte entwickelt wurden, muss sich weder die Werkstatt noch das Fahrpersonal umstellen. Das Cockpit ist identisch mit dem des gewohnten Citaro, der lange CapaCity soll sich ähnlich leichtfüßig wie ein normaler Schubgelenkbus bewegen. Selbst das Rangieren und Reversieren des Großraum- Gelenkbusses gestaltet sich vergleichsweise einfach – mit nur einem Gelenk bleiben die Anforderungen an den Fahrer überschaubar.

Mercedes-Benz CapaCity L - Technische Daten

Motor: Reihensechszylinder Typ OM 470 LA, links stehend im Heck eingebaut, schadstoffarm nach Euro 6 mit Abgasrückführung, SCR-Abgasnachbehandlung und DPF
Hubraum: 10.677 cm³
Nennleistung: 265 kW (360 PS) oder 290 kW (394 PS) bei 1.800 U/min
Maximales Drehmoment: 1.600 Nm/1.900 Nm bei 1.100 U/min
Kraftübertragung: Sechsgang-Getriebeautomat ZF Ecolife 6 AP 2000 mit integriertem Retarder, alternativ Viergang-Getriebeautomat Typ Voith Diwa mit integriertem Retarder.
Fahrwerk: Vorderachse ZF RL 75 EC mit Doppelquerlenkern, Niveauregulierung ENR, optionale CDC-Stoßdämpfer, Stabilisator.
Mittelachse: starre Portalachse ohne Antrieb ZF AVN 132, 4 Luftbälge, 4 CDCDämpfer.
Angetriebene ZF-Portalachse AV 132/870, optional vier CDC Stoßdämpfer.
Elektronisch-hydraulisch gelenkte Nachlaufachse ZF RL 75 A, zwei Luftbälge, zwei CDC-Dämpfer von ZF-Sachs.
Bereifung 275/70 R 22,5 Continental.
Bremsanlage: Zweikreis-Druckluft-Bremssystem EBS, Scheibenbremsen an allen Achsen, 2-Zylinder-Luftpresser, Dauerbremse hydraulischer Primärretarder, gestängelose Federspeicher-Feststellbremse auf Antriebsachse.
Lenkung:

Hydraulische Kugelumlauflenkung Typ ZF Servocom 8098, Lenksäule gemeinsam mit Instrumententräger in Höhe und Neigung verstellbar, Radeinschlag 53/46 Grad, gelenkte Nachlaufachse.

Maße und Gewichte: Länge/Breite/Höhe......................19.700 od. 20.995/2.550/3.155 mm
Radstand Achse 1 und 2...............5.900 mm
Radstand Achse 2 und 3...............5.990 oder 7.260 mm
Überhang vorn/hinten..................2.800/2.770 mm
Wendekreis.................................22.930 oder 24.470 mm
Zulässiges Gesamtgewicht............32.000 kg
Fahrgastkapazität: 186 oder 191

wt