22.10.2014
Test – Renault Trucks T

Der Truck of the Year 2015 im großen Österreich-Test

Kaum zum Truck of the Year 2015 gewählt, tritt der neue Renault Trucks T auch schon zum TRAKTUELL500, unserem gnadenlosen Österreich-Test, an.

Auf knapp 500 Kilometern überwinden wir mit dem Renault Trucks T die knackigen Hügel vor den Toren Wiens zwischen West- und Südautobahn, um dann mit dem Semmering gleich noch einmal ordentlich nachzulegen, bevor es ohne Pause direkt weiter zur Alpendurchquerung auf der A9 geht. Erst der lange Schlag auf der A1 zurück nach Wien verspricht dann Entspannung und deckt schonungslos die Qualitäten des Antriebsstrangs im Teillastbereich auf. Permanent jagen wir im Zuge von TRAKTUELL500 in rund sechseinhalb Stunden reiner Fahrzeit dem optimalen Verbrauch nach, ohne dabei die Durchschnittsgeschwindigkeit zu vernachlässigen.

Beim Sondermodell Renault Trucks T Optifuel profitiert man neben einer Preisersparnis von EUR 2.400,– auch von einem Optifuel Training
   

Nach den sensationellen Verbrauchsergebnissen der vergangenen Tests wollten wir es diesmal wirklich wissen. Aus der Erfahrung wissen wir, dass sich die optimale Leistung, die ein Lkw mitbringen muss, wenn er bei TRAKTUELL500 erfolgreich sein will, in der Region zwischen 450 und 500 PS angesiedelt sein muss. Entsprechend hohes Drehmoment ist dabei die logische Konsequenz. Damit ist der neue französische Star für den klassischen Fernverkehr, unser Testproband Renault Trucks T, mit seinen 460 PS und 2.200 Newtonmetern geradezu prädestiniert. Hinzu kommt noch die attraktive Konfiguration mit dem DTI 11 Euro 6-Reihensechszylinder, der die kräftigste Ausprägung des „kleinen“ Aggregats im Fernverkehrsbaukasten darstellt. Notwendig geworden sind die tendenziell höheren Leistungen durch die neue Gesamtabstimmung der Euro 6-Fahrzeuge, die generell mit längeren Achsen zum Test rollen.

Aus dem Vollen schöpfen

Der Lkw kann in der Zukunft des Fernverkehrs nicht mehr als zweiteiliges, sondern muss als ganzheitliches System betrachtet werden. Deshalb wählen wir für unsere Jagd nach der magischen 25-Liter-Grenze den aerodynamisch optimierten Trailer aus dem Renault Trucks Optifuel Lab, der laut Werksangaben alleine für eine Ersparnis von rund einem halben Liter Diesel pro 100 Kilometer verantwortlich zeichnet. Etwas aufpassen muss man mit dem Trailer beim Rangieren. Abgesehen davon, dass das aerodynamische Heck etwas sensibler ist, sind die Achsen etwas weiter vorne angesiedelt, um Raum für die Luftführung hinter den Rädern zu schaffen. Am vorderen Ende des Zuges stellt sich das Sleeper Cab dem Fahrtwind entgegen. Es sitzt etwas tiefer auf dem Rahmen, kommt deshalb mit nur drei Stufen aus, hinterlasst dafür im Inneren einen kleinen Tunnel mit 200 Millimetern Höhe.

In Hannover wurde der Renault Trucks T zum Truck of the Year 2015 gekürt, jetzt fährt er bei unserem Österreich Test TRAKTUELL500 ein neues Verbrauchergebnis heraus
   

Das Design des neuen T ist konsequent auf Aerodynamik ausgelegt. Die Windschutzscheibe ist um 12 Grad nach hinten geneigt, um den Luftwiderstand zu verbessern. Das Fahrerhaus ist in Trapezform angelegt. An der Front ist es 2,30 Meter breit, während es am Heck mit 2,50 Metern vollen Komfort bietet und damit ebenfalls den Luftstrom optimiert. Hinzu kommen noch elegant in die Scheinwerfer integrierte seitliche Windabweiser sowie die großflächige Seitenverkleidung. Insgesamt konnte der cw-Wert im Vergleich zu den Vorgängern um bis zu 12 % gesenkt werden. Wir wollen darüber hinaus jedenfalls keinen Vergleich ziehen zum legendaren Renault Magnum. Zu viel hat sich verändert. Selbst die feurigsten Anhänger mögen sich vielleicht auf Basis des High Sleeper Fahrerhauses genauer ansehen, bevor vielleicht ein vorschnelles Urteil gefallt wird.

Savoir Vivre

Bevor wir uns den technischen Feinheiten des neuen Antriebsstranges widmen, gehen wir auf Erkundungstour durch das neue Fahrerhaus. Abgesehen vom frischen Design und dem aufgeräumten Armaturenbrett fällt sofort der von Recaro eigens für Renault designte Fahrersitz auf. Die Ergonomie ist perfekt, seine unzähligen Anpassungsmöglichkeiten eine Wohltat und der Langstreckenkomfort sucht tatsachlich seinesgleichen. Apropos Design – unser Testwagen kommt in der Ausführung Alu Ultimate, die wirklich perfekt mit der Außenlackierung harmoniert. Die alternative Holzoptik wäre hier fehl am Platz. Gut gelöst ist der Klapp- und Faltmechanismus des oberen Betts, das es zur Ersatzliege oder zum zusätzlichen riesigen Staufach werden lasst.

Das moderne Cockpit des Renault Trucks T erfreut durch klare Linien, ausgezeichnete Ergonomie und Aufgeräumtheit
   

Das Lenkrad mit dem markanten Pralltopf ist vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, überzeugt dafür umso mehr durch die dreiachsige Verstellbarkeit und die nach kurzer Eingewöhnung absolut intuitive Bedienung. Auf den ersten Blick vermisst man das Scrollrad zur Menübedienung und den +/- Taster des Tempomaten, da diese griffgünstig auf der Unterseite des Lenkrads angebracht sind. Die Armaturen selbst glänzen jetzt nicht unbedingt durch herausragendes Design, überzeugen aber aufgrund ihrer perfekten Übersichtlichkeit und klaren Struktur. Diskutieren kann man wie immer über die Darstellung der Geschwindigkeit ausschließlich in digitaler Form. In diesem Fall punktet die Anzeige durch ihre Anordnung ganz oben in einem eigenen Display, die perfekte Ablesbarkeit und zu guter Letzt bleibt kein Interpretationsspielraum in Bezug auf die aktuell gefahrene Geschwindigkeit. 

Kleiner Exkurs

Tauchen wir kurz in das reichhaltige Menü des Renault Truck T ein, das in einem 7-Zoll HD-Display zentral zwischen den analogen Instrumenten dargestellt wird. Grundsätzlich ist es gut durchdacht, ablesbar und bedienbar. Die für den effizienten Betrieb wesentlichste Einstellung ist sicher das Menu „Kraftstoffersparnis“, in dem drei Effizienzmodi gewählt werden können. Wir fahren natürlich zur optimalen Vergleichbarkeit mit einer Standardgeschwindigkeit von 85 km/h und gönnen dem Fahrzeug den Modus mit maximaler Effizienz. Dies bedeutet eine minimale Geschwindigkeit von 81 km/h und maximale Schwungspitzen von rein theoretisch 93 km/h, es wird aber automatisch bei 90 km/h in Gefallstrecken gebremst.

Dem Optifuel Lab Trailer sind dank aufwendiger Aerodynamik rund 0,5 Liter Kraftstoffersparnis zuzuschreiben
   

Der Geschwindigkeitsregler rechts in der Armaturentafel, über dessen angenehm klickendes Drehrad man zwischen den Programmen des Tempomaten ACC, Cruise und Limit wählt, hat übrigens keinerlei Einfluss auf die Einstellungen im Menü Kraftstoffersparnis. Nachdem Renault noch keinen GPS-gesteuerten Tempomaten im Programm hat, ist der Fahrer ohnehin selbst für die Effizienz des Fahrzeugs verantwortlich und dazu angehalten Schwung mitzunehmen, rechtzeitig vom Gas zu gehen, das Gelände vor sich zu lesen und in weiterer Folge optimal für sich zu nutzen. Ein kleines Detail am Rande sind die drei ab Werk wahlbaren System-Sprachen, deren Zahl im internationalen Vergleich etwas wenig scheint und bei oftmaligem Fahrerwechsel vielleicht zu Kommunikationsschwierigkeiten fuhren kann. Das Fahrzeug selbst erkennt nämlich bis zu zehn Fahrer anhand ihrer Fahrerkarte und merkt sich wie ein guter Freund, die persönlichen Einstellungen.

Zurück im Cockpit

Mit dem Antriebsstrang kommuniziert man auf unterschiedliche Weise. Die Bedienung des Optidriver Getriebes funktioniert sehr komfortabel mit dem Lenkstockhebel auf der rechten Seite. Per Zug nach oben wählt man zwischen Automatik- und manuellem Modus, besonders interessant um vor Kuppen den eingelegten Gang zu halten. Antippen nach vorne oder hinten wechselt die Gänge manuell. Vorwärts oder rückwärts geht es per Drehbewegung. Der Hebel zur Bedienung der Dauerbremsen sitzt nun ebenfalls rechts oberhalb des Optidriver Hebels und aktiviert den Retarder in fünf Stufen. Wobei in der letzten Stufe zurückgeschaltet wird, um die Drehzahl und damit die Bremswirkung zu maximieren. Im Fahrbetrieb selbst überzeugt der Renault Trucks T durch seine Laufruhe, den absolut perfekten Geradeauslauf, der das Leben wahrend der Fahrt zum echten Vergnügen werden lasst, sowie seine komfortable Federung. Nur selten dringt eine Querrille mit leisem Poltern überhaupt bis in die Kabine vor.

Mit einer simplen Matte wird das Bett zur Chaiselongue
Bilder: WEKA/Engel  

Zwar nicht spürbar, aber durch dezentes Tanzen des Rhombus sind permanente Mini-Vibrationen des Lenkrads sichtbar, die aber keinerlei Einfluss haben. Bei forcierter Leistungsabfrage macht sich der relativ kompakte Sechszylinder dann doch durch ein nettes Grollen bemerkbar, das selbst erfahrenen Testern ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert. Fein sind auch die Schaltvorgange unter Volllast am Berg, die kaum Zugkraftunterbrechung bedeuten und eigentlich nur noch an der flinken Bewegung des Drehzahlmessers zu erkennen sind. Etwas lästig hingegen ist das permanente Reiben des Vorhangs am Fahrersitz. Hier könnte Renault durch eine geringfügige Änderung der Befestigung ganz leicht Abhilfe schaffen.

Sensationelles Fazit

Insgesamt ist Renault Trucks mit dem neuen T ein großer Wurf gelungen. Die Kombination aus perfekter Aerodynamik und kleinem, aber kräftigem 11-Liter-Motor, der vor allem sein maximales Drehmoment von 2.200 Newtonmetern über ein breites Drehzahlband zur Verfügung stellt und auch einmal einen Hügel im 12. Gang mit knappen 900 Umdrehungen packt, fuhrt im Endeffekt zu einem absoluten Diesel-Verbrauchsrekord von lediglich 25,13 Litern Diesel pro 100 Kilometern. Nur der Ad-Blue Konsum von 1,63 Litern bietet noch ein wenig Potenzial. Wir gratulieren dem neuen Renault Trucks T zum Truck of the Year 2015 und zum neuen Verbrauchsrekord beim legendaren Österreich Test TRAKTUELL500. Die Jagd auf die 25-Liter-Marke geht also weiter!

Technische Daten

Renault Trucks T 460 4x2 Optifuel Euro 6

   
Kabine: Renault Trucks Sleeper Cab in Grau Metallic; kurzes Fahrerhaus mit drei Stufen und 200 mm Tunnel
Motor: Renault Trucks DTI 11, Euro 6, AGR, SCR, 10.800 cm³, 338 kW/460 PS bei 1.800 U/min, 2.200 Nm ab 1.000 U/min
Getriebe: Renault Optidriver AT2412E, 12+3 Gänge, Übersetzung 14,94 – 1,00; mit integrierter Optibrake (303 kW bei 2.300 U/min)
Achsübersetzung: i = 2,64
Reifen: 315/70 R 22,5 Michelin X-Line Energy auf Alcoa Dura-Bright
Bremsen: Scheibenbremsen rundum; EBS; Voith Retarder mit 450 kW und 3.250 Nm
Gewicht: 7.639 kg

www.renault-trucks.at