23.06.2014
Österreich-Test

Freude am Sparen: Der Scania Streamline R 580

Nach dem bodenständigen Einstieg in die Österreichtest Saison 2014 und dem neuen Verbrauchsrekord auf unserer in diesem Jahr leicht adaptierten Teststrecke schöpfen wir mit dem Scania R 580 aus dem Vollen.

Nach dem sensationellen Verbrauchsrekord von 25,51 Liter Diesel pro 100 Kilometer mit dem Scania G410, dessen Test Sie in unserer Mai-Ausgabe lesen können, schöpfen wir diesmal aus dem Vollen. Mit dem Scania R 580 holen wir den mittleren Euro 6 V8 aus dem schwedischen Motorenregal nach Österreich zum Test. Keine leichte Aufgabe für den kräftigen 16 Liter Motor, nach dieser Vorlage eine gute Figur auf heimischem Asphalt zu machen. Prüfen wir also, ob die radikalen Verbesserungen im Scania Antriebsstrang auch beim potenten Achtzylinder in ähnlich nachhaltiger Manier wirksam werden.

Motortechnologie

Die Motoren sind bei Scania quer durch die Bank eng miteinander verwandt. So kommt auch der große V8 mit der optimierten XPI Einspritzung und variablem Turbolader. In jedem Fall aber mit Abgasrückführung und SCR. Noch weiter eliminiert wurde das ursprünglich gänsehautfördernde Grollen des V8. Die Verbrennung läuft so perfekt, dass lediglich ein dezenter Klangteppich bleibt, der sich wie ein knisternd wärmendes Kaminfeuer unter dem Fahrerhausboden ausbreitet und bis in die Magengrube und das Unterbewusstsein des Fahrers ausstrahlt. Lediglich wenn man ihn wirklich fordert und am besten beide Fenster öffnet, dann kommt pure Achtzylinder-Freude auf.

Die Welt steht Kopf. Jetzt verbraucht ein V8 nur noch so viel Diesel wie ein Sechszylinder!

Bild: Weka/fe  

Die Weiterentwicklung der Achtzylinder bringt auch eine Leistungssteigerung mit sich. Somit ersetzt der nunmehr 580 PS und 2.950 Nm leistende mittlere Motor aus dem Scania-Programm den bislang sehr populären R 620. Interessant zu beobachten ist auch der Unterschied beim AdBlue-Verbrauch im Vergleich zum kleineren G 410, der ja mit einer SCR-only Lösung Euro 6 erfüllt. Der viel stärkere und größere V8 genehmigt sich zu Abgasnachbehandlung nur knapp über einen Liter der Harnstofflösung und damit rund 0,8 Liter weniger als sein kleinerer Bruder.

Spass am Sparen

Während der G 410 vor allem durch sein perfektes Zusammenspiel aller Systeme begeistern konnte, so wesentlich ist der zusätzliche Faktor der unbändigen Kraftentfaltung des 426 kW/580 PS starken Aggregats. Seiner vollen Beladung von 40 Tonnen setzt er 2.950 Nm Drehmoment entgegen. Dies macht sich natürlich gleich beim ersten Anstieg Alland-Hochstraß bemerkbar. Von der Autobahnauffahrt weg beschleunigt der R 580 auf unsere Marschgeschwindigkeit von 85 km/h ohne wirklich angestrengt zu wirken. Die erste echte Steigung verlangt ihm dann schon einiges ab, wir passieren den steilsten Punkt dennoch mit respektablen 67 km/h im zehnten Gang.

Das Streamline Fahrerhaus erkennt man an der glatten Oberfläche und den kleinen schwarzen Wind-Flaps oberhalb der Scheinwerfer, die den Türgriff sauber halten

Bild: Weka/fe  

Interessant ist im direkten Vergleich der zweite harte Anstieg zum Gießhübl, den wir mit 62 km/h zwar etwas langsamer passieren, die schlaue Opticruise vom GPS-gesteuerten Tempomaten Scania Active Prediction aber die Information bekommen hat, dass der Berg im 11. Gang zu schaffen ist. Jede Komponente, die auch nur im Entferntesten mit dem Antriebsstrang verknüpft ist, ist permanent wachsam, um jeden Zehntelliter so effizient wie möglich zu investieren.

An diesem Arbeitsplatz fühlt man sich sofort wohl. Dazu kommt dieser Sound. Sonor, tief, grollend – hier rührt sich etwas in der Magengrube. Auch wenn in der Kabine kaum mehr als ein Flüstern wahrnehmbar ist
Bild: Weka/fe  

Auf unserer Testrunde macht uns starker Wind ordentlich zu schaffen. Die Wetterkapriolen sind auch in unserer Verbrauchstabelle sehr gut abgebildet. Während ein Wert von rund 33 Litern auf der Etappe über die A21 normal ist, so sind die Durchschnittsverbräuche der zweiten und vor allem der relativ langen dritten Etappe etwas hoch und im Hinblick auf das Endergebnis eindeutig dem Wind zuzuschreiben. Sensationell hingegen sind die „Cruising"-Eigenschaften des V8, der vor allem auf dem langen Schlag auf der Westautobahn zurück nach Wien annähernd mit dem Verbrauch eines Sechszylinders aufzeigen kann.

Gelungener Spagat

Auch wenn wir hier im Test natürlich besonderes Augenmerk auf den optimalen Durchschnittsverbrauch legen, kommt mit einem V8 an jedem Anstieg große Freude auf. Wie lange er im 12. Gang, ein Overdrive, bleiben kann und auf den „sanften" Hügeln der A1 überhaupt nur ein einziges Mal in den 11. Gang zurückschalten musste, ist schon eindrucksvoll. Während wir beim G 410 praktisch jeden Lkw am Berg vorbeiziehen lassen mussten, sind es diesmal wirklich nur die offensichtlich unbeladenen, die uns überholen. Der Spagat zwischen abrufbarer Leistung und Energieeffizienz ist den Scania-Ingenieuren perfekt gelungen.

Hochwertiger Innenraum

Im Vergleich zum G 410 Fahrerhaus ist das Topline Haus höher, die Stufe im Boden niedriger. Dies sind aber nur Details am Rande. Hier fühlt sich alles nach V8 an. Das Leder- Holz-Lenkrad, das feine Gestühl mit geprägtem Logo in den Kopfstützen, die Ledermatte auf dem niedrigen Motortunnel – man spürt sofort, dass es sich nicht um den kostenoptimierten Lastenesel dreht.

Etwas unpraktisch ist die Anordnung der beiden Tanks auf gegenüber liegenden Seiten. Liegt der Dieseltank gut erreichbar ...
   
... dann ist es eine Geschicklichkeitsübung AdBlue nachzufüllen
Bild: Weka/fe  

Über das Band mit offenen Ablagen an der Fahrerhausfront lässt sich vielleicht diskutieren, da die geschlossenen Fächer natürlich an Volumen verlieren und es rund um den Fahrer bereits reichlich offene Ablageflächen und -möglichkeiten gibt. Aber die Gerüchte um ein neues Scania Fahrerhaus werden ja ohnedies immer lauter. Man kann davon ausgehen, dass wir auf der IAA in Hannover etwas vollkommen Neues sehen werden.

Trickkiste

Das Gesamtsystem „Scania" bestehend aus Lkw mit Antriebsstrang und der dazugehörenden Elektronik funktioniert praktisch ohne Zutun des Fahrers sensationell. Es gehorcht allerdings fixen Regeln, die man durch minimale Eingriffe zur weiteren Effizienzsteigerung optimieren kann. Bergab hält uns der kräftige Retarder in Kombination mit der Motorbremse locker bei der gesetzten Maximalgeschwindigkeit von 89 km/h. Naht nun aber das Ende der Gefällstrecke, um dann sofort wieder in einen Anstieg überzugehen, kann man das Gaspedal kurz antippen und hebt damit einmalig die Begrenzung auf. So nimmt man noch mehr Schwung mit in den nächsten Anstieg und lässt das Gewicht für sich arbeiten.

Die Verbrauchswerte
   
Technische Daten
   

Fazit

Klar, die +500 PS Kategorie ist ein sehr kleines Segment im großen Markt der schweren Nutzfahrzeuge, und doch üben gerade diese kräftigen Leistungsträger die größte Faszination auf uns aus. Hier ist das Gefühl der Freiheit, der Ursprung des Truck-Mythos noch ein wenig spürbar. Einen knackigen Anstieg praktisch ungebremst zu passieren, ist schon ein feines Gefühl. Dazu die feine Geräuschkulisse des V8 und die Sonne geht vor dem geistigen Auge permanent am Horizont unter. Erwacht man dann aus seinem Tagtraum, freut man sich erst recht, wenn ein Lkw-Zug mit dieser Kraft einen Verbrauch von knapp über 26,5 Liter Diesel für sich verbucht. Ein Wert, mit dem sehr viele Sechszylinder-Motoren mehr als glücklich wären.

www.scania.at

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