13.05.2014
Österreich-Test

Überzeugendes Ergebnis für den Scania G 410 Streamline

Nach einem fantastischen Frühling zeigt sich der April von seiner besten Seite. Mit einem turbulenten Österreich-Test starten wir in die neue Saison. Der Scania G 410 Streamline Euro 6 liefert dennoch ein sensationelles Ergebnis ab!

An diesem 14. 4. 14 könnte das Wetter kaum klischeehafter sein. An einem recht kühlen Morgen treffen wir unseren ersten Testkandidaten der Saison 2014 an der neuen Raststation Steinhäusl zur Österreich-Rundfahrt.

So harmlos sieht es manchmal aus, wenn wir testen. Der Schein trügt. Nicht nur das Wetter war rekordverdächtig (schlecht), der Scania G 410 war trotz aller April-Kapriolen eine Klasse für sich
Bild: Weka/fe  

Aufmerksame Leser werden sofort bemerken, dass hier etwas nicht stimmt. Richtig, wir mussten aufgrund der Schließung der Tankstelle in Auhof unseren Start- und Zielpunkt verlegen. Um die Auswirkungen auf den Test so gering wie möglich zu gestalten, lassen wir jetzt das erste Stück der Westautobahn, das noch im vergangenen Jahr in beide Richtungen befahren wurde, weg und machen die neu eröffnete OMV Station, die am Schnittpunkt von A1 und A21 aufwendig in den Berg gemeißelt wurde, zu unserer neuen „Homebase".

Die technischen Daten
   

Insgesamt wird der Test damit um exakt 40 Kilometer kürzer. Der Einfluss auf den Durchschnittsverbrauch sollte aber minimal sein, da bei der Abfahrt der erste knackige Anstieg stadtauswärts und im Gegenzug das sehr lange Bergabstück von der ebenfalls geschlossenen Raststation Großram zurück nach Wien wegfallen.Damit ist eine annähernde Vergleichbarkeit gegeben.

Start unter Volllast

Dem kleinen Scania G 410 wird jedenfalls nichts geschenkt. Im Gegensatz zum bisher relativ kommoden Start unseres Österreich- Tests geht es jetzt sofort zur Sache. Kaum ist man auf die A1 aufgefahren, geht es rund zwei Kilometer hinauf zum Knoten Steinhäusl, um dann auf der A21 nochmals einen Zahn zuzulegen, bis die erste Kuppe bei Hochstraß erreicht ist. Auf den ersten zwei Kilometern schlägt sich der Scania dank seines ansprechenden Drehmoments von 2.150 Nm sehr gut und beschleunigt immerhin bis auf 70 km/h. Die er dann sukzessive in den Anstieg investiert und schließlich mit 46 km/h im achten Gang die langsamste Stelle vor Hochstraß passiert.

Opticruise im Fokus

Wir sitzen noch kaum zehn Minuten in dem neuen Streamline G 410 und schon spielt sich der neu abgestimmte und nochmals verfeinerte Scania Tempomat in den Vordergrund. Der Geschwindigkeitsbereich mit dem Active Prediction, der Name für den GPS-gesteuerten Tempomaten, arbeitet um bis zu 12 % und damit bei 85 km/h um 10 km/h unter die gesetzte Geschwindigkeit und mindestens 5 km/h darüber. So werden Schwungspitzen ausgenützt und vor Bergkuppen schon frühzeitig Gas weggenommen.

Früher hatte der Daumen noch richtig viel zu tun, um effizient unterwegs zu sein. Jetzt erkennt der GPS-gesteuerte Tempomat jeden Hügel und geht rechtzeitig vor der Kuppe vom Gas
Bild: Weka/fe  

Neu ist jetzt auch die Kombination mit Ecoroll, also der Freilauf-Funktion, bei der Opticruise die Kupplung trennt und damit Dahinrollen im Standgas erlaubt. Die komplexe Steuerung ermöglicht somit auch einen Wechsel von extremer Volllastfahrt bergauf zu plötzlicher Fahrt im Leerlauf, wenn die Abfahrt nach dem Anstieg steil genug ist, um den 40-Tonner wieder entsprechend auf Geschwindigkeit zu bringen, ohne auch nur einen Tropfen Diesel zu investieren. So geschehen am ersten Anstieg bei Hochstraß. Im ersten Moment glaubt man zwar, der Gang sei einfach herausgesprungen – aber das ist ja praktisch nicht möglich – um dann elegant und beinahe lautlos die letzten Meter bergauf zu gleiten und das Gewicht für sich arbeiten zu lassen.

Das Fahrerhaus bietet trotz Mitteltunnel reichlich Komfort für Einzelfahrer
Bild: Weka/fe  

Im weiteren Testverlauf überrascht uns die neue Abstimmung der Opticruise noch mehrfach. Beeindruckend ist dieses nahtlose Zusammenspiel von Vortrieb, Leerlauf, Motorbremse und Retardereinsatz, das der Scania perfekt auf das Gelände abstimmt. Ständig sucht er sich den optimalen Einsatz seiner Ressourcen, um möglichst ökonomisch voranzukommen. Selbst ein geübter Fahrer wäre spätestens nach dem Mittagessen mit seiner Konzentration am Ende, wenn er stets abschätzen müsste, ob gerade die Fortbewegung im Leerlauf bei minimalem Spritverbrauch oder doch der Schubbetrieb mit höherer Bremswirkung bei eingelegtem Gang dafür mit Null-Verbrauch die perfekte Wahl ist.

Subjektive Entschleunigung

Ausgehend vom reinen Gefühl, das man hinter dem Lenkrad während der Fahrt hat, würde man meinen, ständig mit 75 km/h dahinzuschleichen und kaum voranzukommen. Die harten Fakten in unserer Geschwindigkeitstabelle sprechen aber eine andere Sprache. Mit 80,86 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit auf die Gesamtdistanz liegt der Scania G 410 absolut auf Augenhöhe mit den bislang gefahrenen Tests. Akzeptiert man als Fahrer also die neue Abstimmung des Tempomaten, dann kann der 13 Liter Scania Motor, der bereits die zweite Euro 6 Entwicklungsstufe darstellt und sich durch eine fehlende Abgasrückführung auszeichnet, sein enormes Sparpotenzial entfalten. Obwohl sich der eingangs erwähnte April von seiner besten Seite zeigt.

Auch wenn die Bedieneinheit bei der unteren Liege wie ein Telefon aussieht, ist dies das einzige, was man damit nicht kann – telefonieren
Bild: Weka/fe  

Nach dem kühlen Beginn taucht immer öfter die Sonne auf, je weiter wir in den Süden kommen und angenehme 15 Grad Außentemperatur sprechen für sich. Kaum lassen wir den Semmering hinter uns erfreuen uns einige Wetterkapriolen. Vom extremen Seitenwind auf der A9 zwischen St. Michael und St. Pankratz zu Starkregen, der allmählich in Graupelschauer mit Windböen auf der A1 übergeht, um sich dann in stehendem Wasser ab Amstetten zum Höhepunkt aufzuschaukeln ... An und für sich also wenig erfreuliche Aussichten auf ein sinnvolles Ergebnis auf Verbrauchsseite.

Dem Rekord entgegen

Vollkommen unbeeindruckt von Wind und Wetter pflügt der Scania mit seiner windschlüpfrigen Streamline-Kabine über die Autobahn. Der Reihensechszylinder werkt dabei annähernd lautlos unter seinem kleinen Mitteltunnel. Das Geräuschniveau wurde durch die weiter verfeinerte Verbrennung nochmals verbessert. Auch die Windgeräusche am Fahrerhaus halten sich trotz unangenehmer Windböen in vernachlässigbaren Grenzen. Auf der ersten Etappe über die A21 Richtung Vösendorf trügt der Schein noch etwas. Die 410 PS scheinen einfach nicht die optimale Wahl für Österreichs Berge zu sein, auch wenn die 2.150 Nm Drehmoment ordentlich anschieben. Der Durchschnittsverbrauch von 32,46 Litern am Berg ist für einen 40-Tonner dennoch mehr als akzeptabel.

Die glatte Streamline-Front bahnt sich auch unter widrigsten Bedingungen effizient ihren Weg
Bild: Weka/fe  

Hier nützt er den GPS Tempomaten voll aus. Die wahre Sensation passiert aber auf den nicht ganz so harten Strecken auf der A9 und am Rückweg auf der A1. Dadurch, dass er die Möglichkeit hat, die Geschwindigkeit bis auf 75 km/h abfallen zu lassen, erhöht sich gerade in leichtem Gelände der Anteil an Rollphasen enorm. Ab der Raststation St. Pankratz hat man das Gefühl, bis zur Auffahrt auf die A1 praktisch nur noch im Leerlauf dahinzurollen. Erstaunliche Power zeigt der G 410 dann noch auf den kurzen aber doch knackigen Hügeln auf der A1. Bei Enns Ost packt er den Anstieg sogar im zwölften Gang bei 900 Umdrehungen.

Besonders wenn es stürmt und regnet, ist es wirklich angenehm für den Fahrer, wenn alle Tanköffnungen an einer Seite der Zugmaschine zusammengefasst sind
Bild: Weka/fe  

Insgesamt stimmt das Package bei Scania G 410 perfekt. Der Gesamtdurchschnittsverbrauch von 25,51 Litern Diesel auf unserer anspruchsvollen Testrunde stellt einen neuen Rekord dar und macht den kleinen Scania nun mit großem Abstand zur Nummer eins in unserem ewigen Verbrauchsranking! Selbst der AdBlue-Konsum, der bei SCR- only-Lösungen naturgemäß höher ist, schreckt mit 1,8 Litern pro 100 Kilometer nicht wirklich.

Die Verbrauchswerte
   

Fazit

Der April beschert uns nicht nur eine leicht abgeänderte Österreich-Teststrecke, sondern auch gleich einen neuen Champion. Wir konnten es auch nicht glauben und sind mit der Testkombination extra noch auf die Waage gefahren, die uns ein Gesamtzuggewicht von 39.810 kg bestätigt hat. Das wahre Spritsparen hat also mit Euro 6 erst so richtig begonnen. Wer hätte das vor drei Jahren gedacht? Wir freuen uns auf eine spannende Testsaison 2014!

fe