08.06.2015
Speed-Machine

Volvo FH 500 mit Doppelkupplung im Test

Langsam aber sicher entwickelt sich Volvo Trucks zum absoluten Technologieführer unter den sieben großen Herstellern. Diesmal jagen wir den auf Transporteffizienz getrimmten Volvo FH 500 mit dem allerersten Doppelkupplungsgetriebe für schwere Nfz über die Teststrecke.

Volvo Trucks ist mittlerweile berühmt für die zahlreichen kreativen Videos, die gedreht wurden um die individuellen Eigenschaften einzelner technologischer Innovationen ins Rampenlicht zu rücken. Auf den ersten Blick etwas übertrieben scheint der Vergleich mit dem schwedischen Sportwagen Koenigsegg One:1. Dennoch sind die reinen Leistungsdaten unseres Testfahrzeugs, das aus seinen 12,8 Litern Hubraum 368 kW/500 PS und 2.500 Newtonmeter Drehmoment generiert, definitiv eines Sportwagens würdig. Wären nicht die 40 Tonnen Gesamtgewicht. Dank der neuen Doppelkupplung wird diese Leistung auch noch vollkommen unterbrechungsfrei auf die Straße übertragen. Rein vom Gefühl her sind die nahtlosen Schaltvorgänge eines Sportwagens absolut würdig. Lediglich Schaltpaddels fehlen noch hinter dem Lenkrad.

Wegweisendes Design

Von Außen ist dem FH 500 seine Spezialität der Doppelkupplung – bis auf den markanten Schriftzug des Testfahrzeugs – nicht anzusehen. Seine klare nach vorne strebende Linienführung begeistert nach wie vor und macht den FH definitiv zum Designobjekt unter den Nutzfahrzeugen. Immer wieder erfreulich sind im Fahrbetrieb die extrem schlanken Spiegel, die natürlich ihre Grundfunktion perfekt erfüllen, dabei aber minimalen Einfluss auf die Aussicht nach vorne nehmen. Erstaunlich dabei ist jedenfalls, dass die Spiegel trotz des fehlenden Gehäuses immer perfekt sauber bleiben und kaum Empfindlichkeit gegenüber Regen aufweisen.

Eine neue Dynamik-Liga eröffnet Volvo mit dem FH inklusive Doppelkupplungsgetriebe. Keine Zugkraftunterbrechung bergauf, kein Bremskraftverlust bergab – das ist die Benchmark
   

Über den geradlinigen Innenraum haben wir ja mehrfach positiv berichtet. Besondere Erwähnung verdient diesmal die Bedienung des i-Shift Getriebes. Wahlweise kann jetzt entweder der bewährte Hebel neben dem Fahrersitz geordert oder platzsparende Drucktasten im Armaturenbrett gewählt werden. Gerade im Fernverkehrseinsatz sind die Taster die erste Wahl. Dadurch schafft man nicht nur mehr Platz auf dem Motortunnel sondern hat auch einen Flaschenhalter in unmittelbarer Griffweite bzw. den Kühlschrank ebenfalls direkt neben dem Sitz zur Verfügung.
Exzellent ist auch die komfortable Matratze, die sich ja um zehn Zentimeter verbreitern lässt und somit für großzügigen Raum während der Nachtruhe sorgt.

Fahrspaß

Jetzt aber zu den Neuheiten und damit den Vorzügen, die der Volvo FH 500 mit Doppelkupplung bietet. Zuerst einmal kurz zur Funktionsweise. An sich ist die Doppelkupplung sehr kompakt und benötigt lediglich 200 mm mehr Bauraum als das normale i-Shift. Auf Grund der beiden Antriebswellen auf denen jeweils eine Kupplung sitzt kann bereits während in einem Gang gefahren wird bereits der nächste eingelegt werden. Die intelligente Getriebesteuerung erkennt darüber hinaus ob jeder Gang einzeln durchgeschaltet werden muss, oder ob bei leichter Beladung Gänge übersprungen werden können. Hier steht natürlich die Effizienz im Vordergrund.

Sensationell sind die Außenspiegel in minimalistischer Ausführung
   

Im Fahrbetrieb merkt man von dem kleinen Wunder der Technik recht wenig. Schaltvorgänge sind nur noch an der Bewegung des Drehzahlmessers zu erkennen, der lautlos über den grünen Bereich des Drehzahlmessers zwischen 900 und 1.400 Umdrehungen gleitet. Richtig eindrucksvoll ist die Wirkung der Doppelkupplung auf harten Anstiegen zu erleben. Sinkt die Drehzahl unter die 1.000er Marke zuckt, die Nadel kurz, im Display leuchtet die 11 auf und weiter geht die Fahrt. Hier wird kein km/h vergeudet, der Schwung perfekt mitgenommen. Wesentlich zum Fahrspaß trägt auch die ausgezeichnete Abstimmung des FH bei. Hier gibt es kein Nicken des Fahrerhauses bei Querrillen oder unnötiges Wanken in flotten Kurven. Dank Doppelkupplung sind die Aufbaubewegungen jetzt noch geringer.

Permanent gebremst

Aber nicht nur während der Beschleunigung kann i-Shift mit Doppelkupplung punkten. Unser Testfahrzeug ist „nur“ mit der Volvo Motorbremse VEB+ ausgestattet, die bei 2.300 U/min saubere 375 kW an Bremsleistung zur Verfügung stellt und damit bis auf zwei Bergab-Passagen mit unserer Runde locker zurechtkommt, ohne dass der Fahrer eingreifen muss und die Bremsscheiben heiß werden. Einen Beitrag hierzu leistet die Doppelkupplung, weil es während der Rückschaltungen zu keiner Trennung des Kraftschlusses im Antriebsstrang kommt. Damit bremst der gesamte Zug konstant weiter auch wenn das i-Shift zur Erreichung der optimalen Drehzahl vom 12. über den 11. In den 10. Gang schaltet. Gerade bei sensiblen Anwendungen beispielsweise bei Holztransporten im Wald erhöht dies die Sicherheit enorm.

Übersichtlich und besonders logisch in der Bedienung erfreut das Volvo Lenkrad jeden Tag aufs neue
   

Vorteile bietet die Doppelkupplung auf rutschigem Untergrund auch beim Anfahren, da auf Grund der fehlenden Schaltpausen nie die Gefahr besteht stecken zu bleiben. Die sanften Schaltvorgänge reduzieren natürlich merklich die Bewegungen des gesamten Fahrzeugs und tragen damit vor allem auch bei flüssiger Ladung zu großem Fahrkomfort bei.
Apropos bremsen. Volvo hat auch die Software weiterentwickelt. Man kann jetzt bis zur gesetzten Geschwindigkeit das Bremspedal betätigen ohne den Tempomaten zu deaktivieren.

Große Fortschritte

Waren wir im vergangenen Jahr von der Leistung des GPS gestützten Tempomaten i-See noch nicht wirklich überzeugt haben die Schweden mittlerweile ordentlich dazugelernt und mit dem perfekt funktionierenden System des nordischen Mitbewerbers nahezu gleichgezogen. Volvo setzt grundsätzlich auf drei Öko-Levels in denen i-See betrieben werden kann. Während der „Overspeed“ in allen Levels variabel von 4 bis 10 km/h gewählt werden kann, so ist der „Underspeed“ mit 3, 4 und 5 km/h fixiert. Kann aber in der Werkstätte auf bis zu 10 km/h hinauf gesetzt werden um die Effizienz am Berg weiter zu steigern.

Die Anfälligkeit für Spiegelungen trüben etwas den eleganten Auftritt der Instrumentierung
   

Im Fahrbetrieb bemerkenswert sind die extrem langen i-Roll Phasen, da Volvo dem FH erlaubt auch unter die gesetzte Geschwindigkeit zu rollen. Bei unserer gesetzten Standardgeschwindigkeit von 85 km/h rollen wir so an manchen Stellen bis 82 km/h ehe eine der beiden Kupplungen wieder geschlossen wird und wir auf die gewünschte Geschwindigkeit hochbeschleunigen.

Transporteffizienz

Die Performance des Volvo FH 500 ist beeindruckend und wie man auch unserer Tabelle entnehmen kann ist die Durchschnittsgeschwindigkeit sehr hoch. Dies liegt aber zu einem Großteil auch daran, dass wir an diesem herrlichen Frühlingstag im Mai praktisch keinen Verkehr und ganz wenige Baustellen auf unserer Runde hatten.

Der Volvo FH ist immer noch der Lkw mit dem technischsten, geradlinigsten Design am Markt
   

Die hohe Geschwindigkeit steht auch in vernünftiger Relation zum Verbrauch von 26,74 Litern Diesel im Schnitt. Dies ist zwar kein absoluter Spitzenwert auf unserer TRAKTUELL500 Testrunde, aber für ein Fahrzeug, das in erster Linie auf hohe Durchschnittsgeschwindigkeiten ausgelegt ist ein sensationeller Wert. Etwas überraschend ist hingegen der relativ hohe AdBlue Konsum von über 2,5 Litern pro 100 Kilometer. Hier liegt der Mitbewerb mittlerweile bei deutlich unter einem Liter.

Etwas ungewöhnlich, aber simpel in der Bedienung sind die Drucktaster für das i-Shift Getriebe
   

Fazit

Während der ganz große Wurf von Volvo Trucks, der i-Torque Antriebsstrang, nach wie vor auf sich warten lässt, zeigen die Schweden mit verbessertem i-See und dem wegweisenden Doppelkupplungsgetriebe, dass die Technik im Nutzfahrzeug noch lange nicht ausgereizt ist. Absolut ruckfreies Schalten ohne Zugkraftunterbrechung kommt zwar aus dem Motorsport und bringt dort noch weit größere Vorteile mit sich, dennoch macht dieser nahtlose Vortrieb, den man mit dem i-Shift Dual Clutch erlebt einfach süchtig. Das beste Getriebe am Markt kann sich damit noch einmal ein Stück weiter vom Mitbewerb absetzen.

Mit der praktischen Fernbedienung „Work Remote“ hat der Fahrer sein Fahrzeug auch von Außen im Griff und die Abfahrtskontrolle wird zum Kinderspiel
   

Verbrauchswerte und Durchschnittsgeschwindigkeit

  km Verbrauch in km/100 l km/h
Etappe 1: Raststation Steinhäusl – Knoten Vösendorf 42 30,19 84,85
Etappe 2: Knoten Vösendorf – Knoten Seebenstein 53 26,66 84,98
Etappe 3: Knoten Seebenstein – Knoten St. Michael 104 32,58 81,96
Etappe 4: Knoten St. Michael – Knoten Voralpenkreuz 133 24,17  82,95
Etappe 5: Knoten Voralpenkreuz – Raststation Steinhäusl  165 23,14 84,68
Gesamte Strecke: 497 26,74 83,63
Bergwertung: Knoten Seebenstein – Abfahrt Semmering 24 65,08 79,05
Geschwindigkeitsmesspunkt Abfahrt Semmering: 43 km/h bei 1.200 U/min im 9. Gang      
AdBlue: Hinzu kommt ein AdBlue-Verbrauch von 2,53 l/100 km       

Wetter: perfekte Testbedingungen; relativ warm; kaum Wind

     
Temperatur: Start: 15° C, Mittag: 20° C, Ende: 22° C      
Verkehr: kaum Behinderungen und Baustellen, sehr flüssiger Verkehr      

 

Gerade auf unserer bergigen TRAKTUELL500 Teststrecke kann die Doppelkupplung ihre Stärken voll ausspielen. Sensationell sind die Rückschaltungen 12-11-10, die praktisch unmerklich passieren
Bilder: WEKA/fe  

Technische Daten - Volvo FH 500 4x2 i-Shift Dual Clutch Euro 6

Kabine: Volvo Globetrotter XL
Motor ccm: Volvo D13K500, Euro 6, AGR, SCR, 12.800 cm³, 368 kW/500 PS bei 1.400-1.800 U/min, 2.500 Nm ab 1.000 U/min Volvo Engine Brake (VEB+) mit 375 kW bei 2.300 U/min
Getriebe: Volvo i-Shift mit Doppelkupplung SPO2812, 12+4 Gänge, Übersetzung 11,73 – 0,78
Achsübersetzung: i = 3,10 (2,45 im OD)
Bremsen: Scheibenbremsen rundum mit EBS und ESP, elektronische Parkbremse
Reifendimension: 315/70 R 22,5 Michelin X-Line Energy
Gewicht: 7.810 kg

fe